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Stadtarchiv Wasserburg

Wasserburg – Davon können die umliegenden Gemeinden nur träumen: In Wasserburg betreuen zwei hauptamtliche Mitarbeiter die Archivalien. Und das ganze Gebäude, der damalige zweite Bauabschnitt am neuen Parkhaus, entspricht exakt den Anforderungen an eine dauerhafte Aufbewahrung. Während andere ihre eigene Geschichte teilweise ungeordnet auf Dachböden oder Kellern sich selbst überlassen, befindet sich hier das andere Extrem.

Restauriertes Landtagsprotokoll
Dieses Landtagsprotokoll von 1579 war von Mäusen angenagt und hatte Schimmel. Zur Restauration wurde das Buch komplett auseinandergenommen, gereinigt und mit neuem Papier ergänzt und der Deckel neu gefasst. Nun kann man wieder darin blättern.

Das hat seinen Grund vor allem darin, dass gerade der Wasserburger Archivbestand zu den umfangreichsten, wertvollsten und besterhaltenen Kommunalarchivbeständen Altbayerns gehört. Das bedeutet, dass ab einem gewissen Umfang eine Betreuung so nebenher einfach nicht mehr geht. Zudem bestand die Gefahr, dass „potentielles Archivgut verloren ging“, beschreibt der Wasserburger Archivar Matthias Haupt die Situation vor gut zehn Jahren. Er hatte außerdem das Glück, dass er von Beginn an dieses Archiv mit aufbauen konnte. Wegen der Bedeutung des Inhalts gab es auch Zuschüsse. Der frühere Bürgermeister Dr. Martin Geiger hatte sich dafür eingesetzt. Nun befinden sich auf zwei Etagen schwere Rollregale für zwei Kilometer Papier, im Erdgeschoss sind unter anderem Büro und Leseraum untergebracht. Richtige Schätze beherbergt man hier, denn bis ins Jahr 1301 gehen die ersten Urkunden auf Pergament zurück, 5000 sind es insgesamt. Im Vergleich dazu kommt beispielsweise das Rosenheimer Stadtarchiv auf 1074 Urkunden.

Wasserburger Anzeiger
Ein Vorläufer der Wasserburger Zeitung von 1890.

Genau so wichtig ist es allerdings für den Stadtarchivar, diese Tatsachen nach außen zu tragen, um die Bedeutung dieser gesammelten Gegenstände möglichst vielen zu vermitteln. Damit soll bekannt werden, wofür man öffentliche Gelder ausgibt. Denn all das kostet nicht nur in der Anschaffung viel, sondern auch im Unterhalt. Alleine 15 000 Euro sind jährlich für Restaurationen vorgesehen. Deshalb habe man von Beginn an, so Haupt, dieses Archiv auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jeder mit einem nachvollziehbaren Interesse kann dort seit Beginn suchen, die Mitarbeiter helfen dabei, so gut es geht. Die Internetseite wasserburg.de/de/stadtarchiv wird aktuell gehalten, man arbeitet unter anderem mit dem Historischen Verein zusammen, schreibt mit der Stadt einen neuen Geschichtswettbewerb aus, versucht vor allem Kinder und Jugendliche für dieses Thema zu begeistern, vergibt Buchpatenschaften und stellt die „Archivalie des Monats“ vor.

Wiegendruck
Eine Inkunabel, auch Wiegendruck genannt, ist aus der Anfangszeit des Buchdrucks und gilt heute als sehr wertvoll.

Die Erschließung des kompletten Archivs läuft also neben dem regulären Betrieb und wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Erkennbar ist das an den vielen verschlossenen Kartons in den Regalen. Manches davon ist allerdings in einem beklagenswerten Zustand, denn auch in den Räumen des Rathauses, wo die Sachen zuvor lagerten, gab es Feuchtigkeit. Von 1839 an ist aber schon alles mit Bild und Beschreibung im Computer verfügbar. Extra behandelt werden die Fotografien. Im Bildarchiv liegen 15 000 davon, 4000 sind digitalisiert. Zugriff bekommt man darauf über Computer im Leseraum. Dort sind auch Lexika und Hilfsmittel, die alte Begriffe, Maße und Währungen erklären.

Mit diesem Hintergrund kann der Stadtarchivar nicht nachvollziehen, warum in den umliegenden Gemeinden das Archivgut meist einen so untergeordneten Stellenwert besitzt. Es hätten ihm beim Lesen unserer Serie „teilweise die Haare zu Berge gestanden“. Bei einer Erschließung des Archivs, weiß er, reduzieren sich auch die Suchvorgänge innerhalb der Verwaltung, das spare Zeit. In Wasserburg gebe es eine enge Zusammenarbeit zwischen Archiv und Rathaus, denn die Gliederung ist ein Spiegel der Verwaltungsaufgaben. Oft wüssten die Bürger auch gar nicht, dass sie ein Recht auf Einsicht der alten Dokumente haben. Aber alleine schon wegen dem Datenschutz sollte dafür jemand eingestellt werden, beschreibt Haupt gleichzeitig den Gegensatz dazu, wie es in den teilweise unterbesetzten Verwaltungen gesehen wird. Helfen würde ja schon, meint er, auf der gemeindlichen Internetseite der Begriff Archiv samt Ansprechpartner.

Technik

Was erschlossen ist, steht in Wasserburg samt Beschreibung, Bild und dem Aufbewahrungsort im Regal am Computer mit Hilfe des Datenbanksystems FAUST zur Verfügung. Haupt und seine Mitarbeiter scannen viel selbst ein. Ein Richtwert sind dabei 300 dpi, bezogen auf die Originalgröße des Objekts. Werden Bilder gespeichert, dann als TIFF, Texte im PDF/A-Format, alle anderen Dateiformate sind zu unsicher. Metadaten, also Beschreibungen innerhalb der Datei, wer, wann und vielleicht warum etwas digitalisiert worden ist, sind auch von Bedeutung. Um CD's und andere Datenträger muss man sich regelmäßig kümmern und gegebenenfalls in ein aktuelles Format konvertieren. Zum Teil haben die ersten Silberscheiben ihr Lebensende bereits erreicht. Eine Sicherung der Computer-Bestände findet täglich statt.

Inhalt einer früheren Wasserburger Lesestube.
Hier liegt der nahezu komplette Inhalt einer früheren Wasserburger Lesestube.

Was tun bei Schimmelbefall? Um die Ausbreitung zu verhindern, zuerst von den anderen Objekten trennen. Oft hilft es, die Stellen mit einem speziellen Alkohol zu reinigen. Wo das nicht weiterführt: vergasen. Das gibt man in Wasserburg außer Haus. Ein restauriertes Buch wie das Landtagsprotokollbuch, bei dem der Einband neu gefasst und Papier ergänzt wurde, kommt auf etwa 1000 Euro.

Öffentlichkeit

Die Zusammenarbeit mit den Schulen spielt eine besondere Rolle für das Wasserburger Stadtarchiv, beispielsweise beim Geschichtswettbewerb und dem „Lernort Archiv“. Auch dem Bayerischen Staatsarchiv liegt viel an der Vermittlung des Wissens zu diesem Thema. Speziell an Gymnasien wendet sich deren Projekt „Archiv und Schule“ mit unterschiedlichen Aufgaben.

Bei wem der Funke nun überschlägt, kann sich im Archivdienst ausbilden lassen oder wird vielleicht Historiker. Den imaginären Staub der Geschichte klopft Stadtarchivar Matthias Haupt zumindest für Wasserburg mit Aktionen wie der „Archivalie des Monats“ oder Kurse wie die „Einführung in die heimatkundliche Forschung“ ab. Früher musste man die Verwaltung genau kennen, um sich darin zurecht zu finden. Das wird heute mit Findbuch und Computer mit Volltextsuche erheblich einfacher gemacht.

Fotografien vom großen Stadtbrand.
Aus dem damals extra angelegten Fotoalbum „Brandstätte vom 1. Mai 1874 zu Wasserburg“ Fotografien vom großen Stadtbrand.

Wie alt sind nun die Dinge, die man für gewöhnlich in einem Gemeindearchiv findet? Es musste zumindest jemanden gegeben haben, der schreiben konnte. Das wurden mit Einführung der Schulpflicht 1802 in Bayern immer mehr. Archiviert wurde damals auch schon, aber das damalige Bundesarchiv bis vor dem Jahr 1867 nur sporadisch beliefert. In den Klöstern, der kirchlichen und der städtischen Verwaltung genoss das Bewahren von Wissen schon immer einen höheren Stellenwert. Deshalb liegen in Archiven der Pfarrgemeindeverwaltungen in historischer Hinsicht oft wahre Schätze.


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