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Gemeindearchiv Schnaitsee

Schnaitsee – Eine wahre Fundgrube für die Ortsgeschichte ist das Gemeindearchiv in Schnaitsee. In dem hochgelegenen Ort ist ja auch einiges passiert. Der Fernseh- und nahe Aussichtsturm haben eine längere Geschichte als Standort für Vermessungen, lange diskutierten Verantwortliche wegen einer Eisenbahn und man fand genaue Antworten darauf, wie viele Menschen überhaupt ins Wirtshaus gehen um einen weiteren Ausschank zu genehmigen.

Hebammen-Kurs
Maria Köppel wollte 1880 in München einen Kurs für Hebammen besuchen.

Das Archiv ist nicht nur eine bedeutende Quelle für den Ortsheimatforscher Reinhold Schuhbeck, unter dessen Leitung derzeit mit Hilfe mehrerer Autoren ein zweibändiges Heimatbuch entsteht. Am 4. Dezember stellen die Autoren ihr Werk vor, in dem es unter anderem um „1000 Jahre Schnaitsee – Waldhausen – Kirchstätt“ geht, dann um Haus- und Hofgeschichten, die Landwirtschaft bis hin zum Dritten Reich vor Ort. Es ist auch für die Verwaltung eine Zeitersparnis, weiß Luitgard Graßl, die mit den Inhalten betraut ist. Vor neun Jahren entstand mit professionelle Hilfe systematische Ordnung aus Kisten mit Ordnern und Büchern. Alles wurde gesichtet, Wichtiges von Unwichtigem getrennt und erfasst. Unterm Strich wanderte mehr ins Altpapier als blieb. Aber mit dem Ergebnis, dass man heute, wenn der Gang ins Archiv ansteht, „nicht mehr drei Ordner durchsuchen muss, sondern nur noch einen“, weiß sie. Bald steht der Abriss und Neubau des Rathauses bevor, damit verändert sich auch das Archiv. Mit der Verwaltungsangestellten ist die richtige Person an dieser Stelle, denn sie ist auch im Heimatverein aktiv. Der nimmt sich Nachlässen mit dem Ziel an, Besonderheiten daraus herzuzeigen.Zu finden ist im Archiv einiges, zum Beispiel über den großen Brand von 1903 beim Neuwirt Mittermaier. Dieses Haus, das des Nachbarn, und der Turm der nahen Kapelle brannten nieder. Niemand wollte später in der Haut des Dienstknechts Josef Attenhauser stecken. Der verlor kurz zuvor auf dem Dachboden seine brennende Zigarre im Heu, beließ es dabei und ging. Zu finden ist außerdem, dass ab 1885 eine eigene Gendarmeriestation ein Thema in der Gemeinde war. Apropo Gendarmerie: Johann Poschner wurde bald gefasst, nachdem er die 19-jährige Magdalena Gößl ermordete, weil sie von ihm ein Kind erwartete. Ein Jahr darauf, 1842, trat er seinen letzten Gang zu seiner Enthauptung in Trostberg an. Er war nicht der einzige Kriminelle: Franz Xaver Gaßer aus Oberdorf hatte seine Geldsorgen mit einem Raubmord aus der Welt schaffen wollen. Stattdessen bekam auch er ein Todesurteil und wurde selbst aus der Welt geschafft.

Zu den größeren Themen in der Vergangenheit gehörten mehrere Bahnprojekte. Untersucht wurden in der Zeit von 1897 an 16 Jahre lang Streckenvarianten von Wasserburg, Rosenheim und Bad Endorf nach Schnaitsee. Aber auch Varianten mit Gleisen von Trostberg über Schnaitsee nach Mühldorf kamen nicht „zum Zug“.

Verhältnismäßig gut erhalten sind die Dokumente aus dem Dritten Reich, darunter ist die Verleihung von „Ehrenkreuzen für Deutsche Mütter“, Verzeichnisse über den Einsatz von Zwangsarbeitern aus Polen und der Ukraine bis zur Entnazifizierung. Interessant für die Familienforschung sind Sammelakte „Kriegsfolgen“ in der Gemeinde Waldhausen mit Flüchtlingen, Evakuierten, Ausländern und „DPs“, den Displaced Persons;  Menschen, die wegen des Kriegs ihre Heimat verloren haben. Interessant ist auch die Geschichte des Reichstagsabgeordneten Sebastian Diernreiter aus Pfaffenham, der sich für das Ermächtigungsgesetz so geschämt hatte, dass er seine politische Arbeit für beendet erklärte.

Schreiben an das Königliche Bezirksamt Traunstein
Am 19. Mai 1897 von der Gemeindeverwaltung Schnaitsee an das Königliche Bezirksamt Traunstein: Am 30. April starb der hiesige Gastwirt Josef Maier zu München. Er hinterließ eine Witwe mit acht lebenden noch unversorgten Kindern, welche nur von der Bierwirtschaft leben. Heute stellen sie die dringende Bitte, sich für sie und die Kinder bei dem Königlichen Bezirksamt Traunstein dahin verwenden zu wollen, dass sie die Wirtschaft fortführen dürfen. Der Unterzeichnete begutachtet die Bitte der Gesuchstellerin. Gehorsam! Gemeindeverwaltung Schnaitsee, Stettner, Bürgermeister.

Besonders für Familienforschungen sind unterschiedliche Register von Bedeutung, beispielsweise die Erbhofangelegenheiten, Vormundschaften und Adoptionen, Flüchtlingsverwaltungen oder die Ausstellung von Vertriebenenausweisen, dann die „Kost- und Pflegekinder“ in der früheren Gemeinde Kirchstätt aus der Zeit von 1927 bis 1977 und in Waldhausen von 1895 bis 1930. Ein Thema war auch hier die Landkreisreform und der Zusammenschluss dieser drei vormals selbstständigen Gemeinden im Jahr 1976.

Ebenfalls in die jüngere Zeit, 1962 bis 1976, passt der Ordner mit den „Beschwerden gegen den Bürgermeister“. Das hat seitdem abgenommen, aber zu dieser Zeit brachte Bernhard Thaler mit seinem bestimmenden Wesen als Gemeindeoberhaupt einiges voran, wenn auch nicht immer im Einklang mit den Betroffenen. Das gipfelte dann schon einmal in Dienstaufsichtsbeschwerden. Von „ehrverletzenden Behauptungen“, „Märtyrern“ und „Gemeindeschädlingen“ war damals auf beiden Seiten die Rede.

Zu finden ist in dem Archiv auch etwas über frühere Berufe, den Wasner. Das war der Abdecker und Schinder. Die Schinde ist die Haut und gehört den Tierren mit kurzen Haaren, die Decke denen mit langen Haaren. Er verwertete und vergrub diese Kadaver. Zu jener Zeit lebten diese Menschen mit ihrem „unehrlichen Beruf“ außerhalb der Siedlungen vor allem auch deshalb, weil die Ansteckungsgefahr bei Seuchen zu groß war. Unehrliche waren die Wasner nicht, sie hatte nur nicht alle Bürgerrechte. Die Schnaitseer Wasenstätte war bei Moos.
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