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Gemeindearchiv Ramerberg

Ramerberg -- Ein halbes Jahrhundert war der ehemalige Ramerberger Bürgermeister Rupert Schärfl im Dienst. Seine Handschrift, oder besser Unterschrift, ist in unzähligen Briefen und Dokumenten im Archiv zu finden. Immerhin war er mit 26 Jahren Bayerns jüngster Bürgermeister. Im Laufe seines Lebens hat er dafür viele Auszeichnungen bekommen.

Schreiben von Bürgermeister Rupert Schärfl.
Riet zur „Entpreußifizierung“: Der langjährige Bürgermeister Rupert Schärfl.

So gut wie alle älteren Unterlagen befinden sich beim Partner der Verwaltungsgemeinschaft in Rott. Claudia Schaber kennt sich damit gut aus. Geeignete Regale, Zeit für das anschließende Sichten, Sortieren und Erfassen stehen auf der Wunschliste. Einen entsprechenden Lehrgang für das Archivwesen hat die Standessbeamtin bereits absolviert. Weil sie sich für die lokale Geschichte sehr interessiert, greift sie schnell zu für Ramerberg typischen Themen und die sind vor allem in der jüngeren Zeit mit Rupert Schärfl verbunden. Ein Bürgermeister ohne Telefon? Nicht vorzustellen, nach dem Krieg aber durchaus kein Einzelfall. Schärfls „Fernsprecher“ war eine halbe Stunde entfernt, jeder Anruf musste ihm ausgerichtet werden, das war kein Arbeiten für ihn, er schrieb selbstbewusst, wie er war, erfolgreich an die Reichspostdienststelle in Landshut.
Klassenbuch
Die „Erfolge unserer Kriegsflotte“ mussten die Kinder von den Jahrgangsstufen eins bis sieben 1939 lernen.

Während noch 1935 die Gemeinderäte vom Kreisleiter als „Beauftragte der NSDAP“ ernannt wurden und ihre Urkunden mit Vereidigung „in feierlicher Sitzung“ bekamen, lief die Gemeindewahl ab 1946 wieder normal. Von 242 Stimmen bekam Rupert Schärfl 166, die zweitmeisten Stimmen erhielt damals der Bauer Alois Kirchlechner. Von Bedeutung waren nach dem Krieg die damaligen „Stimmungsberichte“ der Bürgermeister an das Landratsamt. Darin ist auch Schärfls Humor zu finden. Von Bedeutung waren etwa „Vorkommnisse amerikanischer Soldaten und Zivilisten“, „Gerüchte“, der „Sicherheitszustand“ und die „Tätigkeit früherer Nazis“. Die „gehen ihrer Arbeit nach“, „verhalten sich ruhig“, und Einzelne haben „sich zur rechten Zeit krank gemeldet“ -- wahrscheinlich, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Jedoch finde eine „Bildung von Parteien“ nicht statt, die Menschen hatten derzeit von der Politik „genug“ und ganz andere Probleme, war seine Beobachtung. Und: Schärfl war außerdem der Meinung, „wir Bayern sind doch fähig zu regieren“, man sollte deshalb auch den „Mut zur Entpreußivizierung“ haben. Offenbar gab es zu viele um ihn herum, die etwas zu sagen hatten. Gehadert hat Schärfl etwas mit den Heranwachsenden, die nach dem Krieg mit der alten Ordnung brachen und eigene Berufswünsche erfüllen mochten. Die Zeit, in der Bauernkinder gottgegeben Knechte oder Mägde wurden, war vorbei.
Lebensmittelaufstellung für Kinder
Liest sich vielleicht als viel, musste aber nach dem Krieg für 70 Kinder einen Monat reichen.

Deutlich unterschieden sich in Kriegszeiten die Lehrnachweise an den Schulen. Zu sehen ist das an der damaligen einklassigen Volksschule für die Jahrgänge eins bis sieben. Standen 1939 in der „Zeitgeschichte“ die „Erfolge unserer Kriegsflotte: U-Boot und Panzerschiff ,Deutschland`“ zum Lernen an, durfte 1954 der dritte bis fünfte Jahrgang beim „Unterrichtsgang zum Friedhof“ die Bedeutung der Grabsteine, Erinnerungen an „Kriegs- und Notzeiten, Hungersnot und Seuche“, lernen. Hunger gab es nach dem Krieg, so dass die „Landesgeschäftsstelle für Schulspeisung“ einen Speiseplan, beispielsweise mit einer „Nudelsuppe mit Speck (348 Kalorien)“ vorgab. Im Oktober 1949 quittierte man den Empfang von unter anderem 10,5 Kilogramm Schokolade, 70 Nährstangen, Teigwaren, Magermilch, Zucker und anderes für 70 Kinder -- für einen ganzen Monat.
Schreiben der Mineralöl-Handelsgesellschaft
Dieses nette Schreiben mit grafisch ansprechendem Briefkopf im Stil der damaligen Bauhausschule ist noch immer in einem sehr guten Zustand.

Erstaunlich gut erhalten sind manche Briefe, darunter eine Bitte der „Heinrich Steinker Mineralöl-Handelsgesellschaft“ aus Hannover. Die war Opfer eines Betrugs geworden und bat um sofortige Bezahlung ihrer Rechnungen. Die Gestaltung deren Briefkopfes erforderte angesichts des auslaufenden Öls Mut, ein heute sehr schönes Zeugnis der damaligen Neuen Sachlichkeit mit klaren, selbstbewusst nach oben strebenden Linien und dem farbigen, originellen Motiv als echter Hingucker. (Kannst vielleicht mal Uli drüberschauen lassen, vielleicht sieht sie noch was) Überhaupt sind viele dieser Unterlagen in einem so guten Zustand, als wären sie vorige Woche eingegangen; kaum vergilbt, kaum zerknittert. Übrigens hängen schöne grossformatige zeitgenössische Bilder des Ramerberger Schlosses heute im Rathaus, viel zu schade für ein Regal.

Deutlich wird bei Schriftstücken auch die veränderte Namensschreibung der Gemeinde. Aus früher einmal Römersberg wurde im Laufe der Zeit Rammelberg, zu sehen am Verzeichnis der Stolgebühren. Erst seit 1901 heißt Ramerberg offiziell auch so.
Stolgebührenverzeichnis
Ein Blick ins Stolgebührenverzeichnis verrät, wie teuer kirchliche Handlungen waren und dass man 1884 noch Rammelberg schrieb.

1896 war der Friedhof zu klein geworden. Heute noch kann man nachlesen, was der damalige Protokollist mit gestochen scharfer Schrift aus der Sitzung festhielt. Alle Räte unterschrieben das Protokoll, Bürgermeister Sixt zuerst. Übrigens werden heutige Protokolle beim VG-Partner in Rott nicht vollständig der digitalen Welt überlassen, sondern nach Abschluss einer Legislaturperiode noch immer als Buch gebunden.

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